Stadtbild als Spiegel der Vergänglichkeit


Heute habe ich eine Bilderreihe dabei. Oft führen mich meine Spaziergänge durch die Innenstadt meiner Heimat. Ich erinnere mich noch an die ersten Male, als ich solche Streifzüge mit der Kamera unternahm – damals habe ich noch um einiges mehr fotografiert. Alles sollte festgehalten werden; jeder Winkel und jedes Hauseck wirkte durch den Messsucher der Leica anders als mit dem bloßen Auge. Die Vorstellung des fertigen Bildes im Kopf hilft dabei enorm bei der Komposition.
Mittlerweile hat dieser Drang, alles festzuhalten, etwas nachgelassen. Jeder kennt es: Die Euphorie des Neuen verblasst mit der Zeit und macht Raum für das Alltägliche. Nichtsdestotrotz, oder gerade deswegen, ist es so spannend, bekannte Orte immer wieder aufzusuchen. In der Stadt tut sich gerade einiges; mehrere Gebäude stehen vor dem Abriss oder einer Kernsanierung. Das Stadtbild ändert sich stetig.
Ich habe bereits früher darüber geschrieben, wie sehr die Jahreszeiten dazu beitragen, dass sich die gleiche Szenerie im Laufe der Monate wandelt. Hier aber ist es die Szenerie selbst, die verschwindet. Mit dem Abriss endet etwas und macht Platz für Neues. Vielleicht ist eines dieser Bilder das letzte, das es von diesen Häusern je geben wird. Mit der Kamera halte ich so einen kleinen Moment Geschichte und eine Erinnerung an das Gebäude fest.

William Irvine schreibt in seinem Buch „A Guide to the Good Life“ über eine Übung namens „Last Time Meditation“. Die Idee dahinter ist so simpel wie lebensverändernd: Irvine schlägt vor, dass wir uns bei alltäglichen Handlungen, wie dem Moment, in dem wir unsere Kinder hochheben, klarmachen, dass wir dies irgendwann zum absolut letzten Mal tun werden, ohne es in diesem Augenblick zu wissen

Indem wir diese Endlichkeit aktiv visualisieren, durchbrechen wir die menschliche Neigung zur „hedonistischen Anpassung“ – also dem Effekt, das Schöne im Leben viel zu schnell als selbstverständliche Konstante hinzunehmen.
In diesem Moment war es das Haus, das zum Abriss steht, welches mich an diese Lektion erinnert hat. Irgendwann wird es das letzte Mal sein, dass ich die Kamera in die Hand nehme, oder das letzte Mal, dass ich meinen Sohn hochhebe. Wann dieses „letzte Mal“ genau ist, weiß ich nicht. Aber in diesem Bewusstsein bin ich präsent – ganz im Hier und Jetzt. Vielleicht war dies das letzte Mal, dass dieses Gebäude fotografiert wurde.

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Photography

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